Wenn es in einem Gebäude brennt, zählt jede Sekunde. Viele Menschen gehen davon aus, dass ein Personenaufzug im Brandfall ein schneller Fluchtweg sein kann. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Ein Aufzug im Brandfall darf grundsätzlich nicht als Fluchtweg genutzt werden. Stattdessen sorgt eine Brandfallsteuerung dafür, dass der Aufzug kontrolliert in einen sicheren Zustand überführt wird.

Der tragische Brand in einem Hochhaus in Brüssel hat dieses Thema erneut in den Fokus gerückt. Die genaue Brandursache wird weiterhin untersucht. Unabhängig vom konkreten Ereignis zeigt der Vorfall jedoch, wie wichtig das Zusammenspiel von Brandmeldeanlage, Aufzugstechnik, Gebäudeautomation und Safety Engineering ist.


Warum dürfen Aufzüge im Brandfall nicht benutzt werden?

Ein gewöhnlicher Personenaufzug ist nicht dafür ausgelegt, Menschen während eines Brandes zu evakuieren.

Bereits wenige Minuten nach Brandausbruch können sich Gefahren entwickeln:

  • Rauch dringt in den Aufzugsschacht ein.
  • Türen öffnen sich möglicherweise in verrauchte Bereiche.
  • Die Stromversorgung kann ausfallen.
  • Der Fahrkorb kann zwischen zwei Haltestellen stehen bleiben.
  • Rettungskräfte können den Aufzug nicht wie im Normalbetrieb nutzen.

Aus diesem Grund ist an jedem Personenaufzug das bekannte Piktogramm „Aufzug im Brandfall nicht benutzen“ angebracht. Dieses Warnzeichen ist Bestandteil der Anforderungen der EN 81-73.


Wie funktioniert die Brandfallsteuerung eines Aufzugs?

Die eigentliche Sicherheitsfunktion beginnt nicht erst im Aufzug.

Sie beginnt bereits mit der Erkennung eines Brandes.

Hier arbeiten mehrere technische Systeme zusammen:

  1. Brandmeldeanlage
  2. Brandfallsteuerung
  3. Aufzugssteuerung
  4. Gebäudeautomation
  5. Evakuierungskonzept

Erst dieses Zusammenspiel bildet ein wirksames Sicherheitskonzept.


ÖNORM B 2474 – Wann wird die Brandfallsteuerung ausgelöst?

Die ÖNORM B 2474 regelt die Auslösung der Brandfallsteuerung. Sie beschreibt, welche Einrichtungen das Signal an den Aufzug übermitteln dürfen und wie die Rücksendeeinrichtung ausgeführt werden muss. Sie ist ausdrücklich gemeinsam mit der ÖNORM EN 81-73 anzuwenden.

Als Auslöser kommen unter anderem in Betracht:

  • automatische Brandmeldeanlagen,
  • Rauchmelder im Zusammenhang mit Druckbelüftungsanlagen,
  • manuelle Rücksendeeinrichtungen.

Sind automatische Brandmeldeanlagen vorhanden, muss die Rücksendung neuer Aufzüge automatisch erfolgen.


ÖNORM EN 81-73 – Wie verhält sich der Aufzug im Brandfall?

Die EN 81-73 beschreibt das Verhalten eines Aufzugs nach Eingang eines Brandfallsignals.

Die Ziele sind klar definiert:

  • Personen dürfen nicht im Fahrkorb eingeschlossen werden.
  • Die Gefährdung durch Rauch und Hitze soll reduziert werden.
  • Einsatzkräfte sollen erkennen können, dass sich keine Personen mehr im Aufzug befinden.

Nach Eingang des Brandfallsignals

  • werden alle Fahrbefehle gelöscht,
  • werden Innen- und Außenrufe deaktiviert,
  • fährt der Fahrkorb automatisch zur festgelegten Brandfallhaltestelle,
  • können die Personen den Fahrkorb verlassen,
  • bleibt der Aufzug anschließend außer Betrieb.

Haupt- und alternative Brandfallhaltestellen

Viele Betreiber gehen davon aus, dass ein Aufzug im Brandfall immer in das Erdgeschoss fährt.

Das stimmt nur teilweise.

Die ÖNORM B 2474 fordert bei bestimmten Gebäudekonzepten neben einer Hauptbestimmungshaltestelle auch mindestens eine alternative Bestimmungshaltestelle in einem anderen Brandabschnitt. Erkennt die Brandmeldeanlage einen Brand im Bereich der Hauptbestimmungshaltestelle oder ihres Fluchtweges, fährt der Aufzug automatisch die alternative Haltestelle an.

Damit wird verhindert, dass Personen genau in den Gefahrenbereich gebracht werden.


Warum ist Safety Engineering entscheidend?

Als Sachverständiger stelle ich immer wieder fest, dass die Brandfallsteuerung häufig erst bei der Abnahme eines Gebäudes intensiv betrachtet wird.

Tatsächlich entscheidet sich ihre Wirksamkeit jedoch bereits deutlich früher – in der Planungsphase.

Die größten Herausforderungen liegen meist nicht im Aufzug selbst, sondern an den Schnittstellen zwischen

  • Brandmeldeanlage,
  • Gebäudeautomation,
  • Brandabschnitten,
  • Evakuierungskonzept,
  • Druckbelüftungsanlagen,
  • Rauch- und Wärmeabzug,
  • organisatorischem Brandschutz.

Genau hier setzt Safety Engineering an. Statt einzelne Gewerke isoliert zu betrachten, werden Menschen, Technik und Organisation als Gesamtsystem bewertet.

Gerade bei Umbauten, Sanierungen oder Nutzungsänderungen entstehen häufig temporäre Situationen, die eine erneute sicherheitstechnische Bewertung erforderlich machen.


Fazit

Eine Brandfallsteuerung ist weit mehr als die automatische Fahrt eines Aufzugs in das Erdgeschoss.

Sie ist Bestandteil eines umfassenden Sicherheitskonzepts, das auf dem abgestimmten Zusammenwirken von Brandmeldeanlage, Aufzugstechnik, Gebäudeplanung, Gebäudeautomation und organisatorischem Brandschutz basiert.

Der aktuelle Brand in Brüssel erinnert uns daran, dass moderne Gebäude nur dann sicher sind, wenn alle sicherheitsrelevanten Systeme zuverlässig zusammenarbeiten.

Für Betreiber, Planer und Bauherren bedeutet das: Safety Engineering beginnt nicht bei einzelnen Komponenten, sondern beim Verständnis des gesamten Systems.


Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Darf man einen Aufzug im Brandfall benutzen?

Nein. Normale Personenaufzüge sind grundsätzlich keine Fluchtwege. Im Brandfall übernimmt die Brandfallsteuerung den Aufzug und fährt ihn kontrolliert in eine festgelegte Brandfallhaltestelle. Anschließend wird der Aufzug außer Betrieb genommen.

Was macht eine Brandfallsteuerung?

Die Brandfallsteuerung sorgt dafür, dass der Aufzug nach Eingang eines Brandfallsignals alle Fahrbefehle löscht, Personen sicher aussteigen können und der Aufzug anschließend nicht mehr genutzt werden kann.

Welche Aufgabe hat die ÖNORM B 2474?

Die ÖNORM B 2474 regelt die Auslösung der Brandfallsteuerung und definiert, welche Rücksendeeinrichtungen verwendet werden dürfen und wie diese mit der Aufzugssteuerung zusammenarbeiten.

Was regelt die EN 81-73?

Die EN 81-73 beschreibt das Verhalten von Personen- und Lastenaufzügen im Brandfall. Sie legt fest, wie sich ein Aufzug nach Eingang eines Brandfallsignals verhalten muss.

Worin unterscheidet sich ein Feuerwehraufzug von einem normalen Aufzug?

Ein normaler Personenaufzug wird im Brandfall außer Betrieb genommen. Ein Feuerwehraufzug ist speziell für den Einsatz der Feuerwehr konzipiert und unterliegt zusätzlichen Anforderungen nach EN 81-72.

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