In vielen Unternehmen gibt es einen Moment, der rückblickend irritiert. Ein Ereignis tritt ein – ein Schaden, ein Stillstand, ein Brand, ein sicherheitsrelevanter Vorfall – und die erste Reaktion lautet fast immer gleich: „Eigentlich war alles geregelt.“ Zuständigkeiten waren definiert, Prüfungen durchgeführt, Unterlagen vorhanden, Dienstleister beauftragt. Und dennoch hat das System versagt.

Gerade diese Situationen sind besonders schwer zu akzeptieren, weil sie nicht dem klassischen Bild von Nachlässigkeit oder grobem Fehlverhalten entsprechen. Es fehlt der offensichtliche Fehler. Stattdessen zeigt sich eine unangenehme Erkenntnis: Systeme können formal korrekt funktionieren und dennoch praktisch versagen.

Der Grund dafür liegt selten in einzelnen Maßnahmen. Er liegt im Zusammenspiel.

Moderne Organisationen sind hochgradig arbeitsteilig aufgebaut. Verantwortung wird verteilt, Aufgaben werden delegiert, externe Fachfirmen eingebunden. Das ist notwendig und sinnvoll. Gleichzeitig entsteht dadurch eine Struktur, in der Sicherheit nicht mehr an einer einzelnen Stelle greifbar ist, sondern über viele Schnittstellen hinweg entsteht. Genau dort beginnt die Schwäche.

Ein funktionierendes System auf dem Papier lebt von Annahmen. Die Annahme, dass Prüfungen korrekt durchgeführt wurden. Die Annahme, dass Abweichungen gemeldet werden. Die Annahme, dass Vorgaben verstanden und eingehalten werden. Die Annahme, dass Zuständigkeiten auch tatsächlich wahrgenommen werden. Jede dieser Annahmen ist für sich genommen plausibel. In der Summe bilden sie jedoch ein fragiles Konstrukt.

In der Praxis zeigt sich immer wieder ein ähnliches Muster: Niemand hat bewusst falsch gehandelt. Aber jeder hat sich auf den nächsten verlassen. Verantwortung wurde nicht verweigert, sondern verdünnt. Entscheidungen wurden nicht vermieden, sondern automatisiert. Prozesse liefen weiter, weil sie schon immer so gelaufen sind.

Besonders deutlich wird dies in sicherheitsrelevanten Bereichen wie dem Brandschutz. Pläne sind erstellt, Anlagen abgenommen, Prüfprotokolle vorhanden. Dennoch zeigt ein Ereignis, dass entscheidende Details nicht beachtet wurden: eine Brandabschottung, die nie vollständig kontrolliert wurde; eine Anlage, die technisch korrekt ist, aber organisatorisch nicht eingebunden; eine Maßnahme, die formal existiert, im Alltag jedoch keine Rolle spielt. Der Fehler liegt nicht im Fehlen von Regeln, sondern im fehlenden Bewusstsein für ihre tatsächliche Wirkung.

Hier berührt das Thema Sicherheit unmittelbar das Management. Sicherheit ist kein Zustand, der einmal erreicht und anschließend verwaltet wird. Sie ist ein Ergebnis fortlaufender Entscheidungen. Entscheidungen darüber, wie ernst Abweichungen genommen werden. Entscheidungen darüber, ob Hinweise als lästig oder als wertvoll betrachtet werden. Entscheidungen darüber, ob Verantwortung aktiv eingefordert oder stillschweigend weitergereicht wird.

Ein reifes Risikomanagement / Risk Management erkennt genau diese Mechanismen. Es fragt nicht nur, ob Maßnahmen existieren, sondern wie sie gelebt werden. Es interessiert sich weniger für formale Vollständigkeit als für tatsächliche Wirksamkeit. Und es akzeptiert, dass Sicherheit nie absolut ist, sondern ständig neu hergestellt werden muss.

Organisationen, die aus Ereignissen lernen, unterscheiden sich nicht durch mehr Regeln, sondern durch bessere Fragen. Wo verlassen wir uns auf Routinen, ohne sie zu hinterfragen? Welche Annahmen treffen wir täglich, ohne sie bewusst zu prüfen? Wo ist Verantwortung klar benannt, aber nicht wirksam verankert? Und wo funktionieren Systeme nur deshalb scheinbar, weil noch nichts passiert ist?

Gerade dort, wo „alles richtig gemacht wurde“, lohnt sich der zweite Blick. Nicht aus Misstrauen, sondern aus Professionalität. Denn komplexe Systeme versagen selten laut. Sie versagen leise, schrittweise und lange unbemerkt.

Unternehmen, die Sicherheit als Teil ihrer Führungskultur verstehen, akzeptieren diese Realität. Sie wissen, dass technische Lösungen allein nicht ausreichen. Dass Vorschriften Orientierung geben, aber keine Entscheidungen ersetzen. Und dass Verantwortung nicht delegiert werden kann, ohne gleichzeitig ihre Wirkung sicherzustellen.

Am Ende ist Sicherheit kein Produkt und kein Dokument. Sie ist das Resultat von Aufmerksamkeit. Jeden Tag aufs Neue.


 

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